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    Bericht aus China von vhs-Schülerin Anna Gorenflo

    Erstellt von Anna Gorenflo |

    Die vhs Main-Taunus-Kreis unterstützt die vhs-Schülerin Anna Gorenflo bei ihrer Lernreise durch China. Sie ist für ein Jahr in die Gansu-Provinz im Nordwesten Chinas gezogen, um dort Englisch zu unterrichten und die einheimische Kultur kennenzulernen. Hier berichtet Sie von ihrer Reise.

    "Es ist 7:30 Uhr und wir begrüßen die Schulwächter mit „zao shang hao“ (Guten Morgen) auf dem Weg in das Office, nachdem wir gestern mit Erschrecken festgestellt haben, dass „wan shang hao“ Guten Abend und nicht Guten Morgen heißt. Seit gut einer Woche hatten wir also die Wächter jeden Morgen um 7:30 Uhr mit „Guten Abend“ begrüßt und uns gewundert, warum diese beim Erwidern immer so gegrinst haben. Nach dem Begrüßen der Wächter geht es in unser Office im dritten Stock, von dem man auch wunderbar in den Innenhof schauen kann und während der Pausen Zuschauer von nahezu professionellen Tischtenniswettbewerben werden kann. Doch bevor ich weiter auf mein Leben hier eingehe, das ich nun schon Alltag nennen kann, möchte ich nochmal aufgreifen, wie ich hier überhaupt gelandet bin.

    Wie alles begann

    Vor gut einem Jahr habe ich beschlossen, dass ich gerne nach dem Abitur einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst machen möchte. Dieser Beschluss basierte zum Einen auf dem Wunsch, ein anderes Land und dessen Kultur näher kennenzulernen und zum Anderen nicht nur selbst viel Neues zu lernen, sondern auch meine eigenen Erlebnisse und Eindrücke mit Anderen teilen zu können. Als ich dann auf weltwärts gestoßen bin, ein Programm, das von dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufen und gefördert wird, habe ich das Entwicklungsprojekt von MissionEineWelt in China entdeckt, und mein Entschluss war umso mehr gefestigt. Mich hatte China seit einem 3-wöchigen Urlaub dort besonders gereizt, da mich schon die Eindrücke in dieser kurzen Zeit, die ich von diesem Land hatte, fasziniert hatten. Die Stelle, die MissionEineWelt in China anbietet, besteht aus Lehrtätigkeiten an Junior Middle (11-15 Jahre) und Senior Middle (15-18 Jahre) Schools. Da mir das Nachhilfegeben an meiner alten Schule immer große Freude bereitet hatte und ich durchaus schon mal mit dem Gedanken gespielt hatte, Lehramt zu studieren, reizte mich die Stelle zusätzlich.

    Meine Entsendeorganisation, MissionEineWelt, lernte ich bei einem Infotag im November das erste Mal näher kennen. MissionEineWelt ist ein Zentrum für Partnerschaft, Entwicklung und Mission der Evangelischen Lutherischen Kirche in Bayern. Es hat Partnerschaften im Pazifik, Asien,
    Lateinamerika und Afrika mit dortigen Kirchen und Organisationen und nimmt unter Anderem eine entwicklungspolitische Aufgabe wahr, dessen Teil auch dieser entwicklungspolitische Freiwilligendienst ist. Eine der Organisationen, mit denen MissionEineWelt eine Partnerschaft hat, ist die NGO „Amity“, die hier in China für mich zuständig ist. Amity ist eine christliche, chinesische Organisation, die abgesehen von der größten Bibeldruckerei auch Entwicklungshilfe in Form von verschiedensten Projekten in China betreibt. Seit mehreren Jahren organisiert Amity auch dieses Lehrerprogramm inklusive eines ein monatigen Vorbereitungsseminars in China, dazu später mehr. Als ich dann Mitte Dezember die Zusage für eine dieser Stellen in China bekommen habe, war die Freude besonders groß und die darauffolgende Zeit war gefüllt von steigender Spannung, Vorfreude, sicherlich auch ein paar Zweifeln und mehreren Vorbereitungsseminaren.

    Vorbereitungen

    Das erste Vorbereitungsseminar fand auch bereits im März statt und bot die erste Möglichkeit, meine Mitfreiwilligen kennenzulernen, unter anderem Jule, die nun gerade mir gegenüber im Office sitzt und von dem Rap erzählt, den einer ihrer Schüler*innen ihr in der letzten Stunde vorgeführt hat. In diesem ersten Seminar ging es hauptsächlich darum, die Mitfreiwilligen und auch MissionEineWelt näher kennenzulernen. Abgesehen davon wurden organisatorische Fragen geklärt und wir hatten zum Ersten Mal die Möglichkeit uns mit ehemaligen Freiwilligen auszutauschen und erste Geschichten, Erfahrungen und Tipps erzählt zu bekommen. Besonders dieser Teil, hat einem ein Stück Sicherheit gegeben, da man sich genauer vorstellen konnte, was einen erwartet. (Auch wenn ich jetzt sagen muss, dass sich meine Erfahrungen stark davon unterscheiden, was natürlich ist, da jeder andere Leute kennenlernt, in andere Situationen gelangt und diese auch ganz unterschiedlich wahrnimmt.)

    Das zweite Seminar, ein entwicklungspolitisches Seminar, drehte sich rund um die Frage „Was ist eigentlich Entwicklungspolitik und was hat das mit meinem Freiwilligendienst zu tun?“. Beim dritten und letzten Seminar im Juli habe ich dann langsam realisiert, dass es auch bald wirklich losgehen sollte. Dort wurde nochmal tiefer darauf eingegangen, welche Situationen einen erwarten könnten und wie man sich am besten in verschiedensten Situationen verhält, sei es mit Arbeitenden an der Einsatzstelle oder mit Mitfreiwilligen. Auch hatte man die Möglichkeit sich stärker mit Fragen über einen selbst, was einem gut tut, was einem wichtig ist und welche Erwartungen man vielleicht auch selber hat, auseinanderzusetzen. Ich denke gerade das ist auch wichtig um sich davor schon einmal bewusst zu machen, was man selber eigentlich von dem Jahr erwartet und wie man mit verschiedensten Situationen umgehen möchte.

    Aufbruch nach China

    Einen halben Monat später, am 05.08. ging es dann endlich los nach einem Wechselbad von Vorfreude und Nervosität. Der Abschied von meiner Familie und meinen Freunden, die mich noch an den Flughafen begleitet haben, fiel mir mindestens genauso schwer wie erwartet. Doch auf unserem Direktflug nach Nanjing, unserer ersten Station, habe ich mich direkt sehr gut mit meiner chinesischen Sitznachbarin unterhalten können. Sie erzählte, sie unterrichte Chemie in Nanjing an der Universität und sei nun in den Sommerferien das erste Mal nach Deutschland gereist. Dadurch war ich direkt wieder deutlich optimistischer gestimmt und erwartete voller Vorfreude unsere Ankunft in Nanjing, die dann nach ca. 10 Stunden auch eintraf.

    Dort angekommen, beladen mit nahezu 50 kg Gepäck, wurden wir nicht nur von einer netten Dame mit Amity Schild begrüßt, sondern auch von einer Wand aus heißer, schwüler Luft, sobald sich die Türen öffneten. Nachdem wir dann unsere Tonnen an Gepäck quer über den Flughafen manövriert haben, durften wir auf der Busfahrt in die Innenstadt einen ersten Eindruck von der sich doch sehr von Deutschland unterscheidenden Landschaft bekommen. Nach ca. 1 Stunde Fahrt und mehreren Wäldern aus Hochhäusern wurden wir bei einem ersten Abendessen mit Amity herzlich in Empfang genommen. Das Essen wurde, wie es in China typisch ist, auf einer runden Drehplatte serviert, sodass sich jeder etwas von den Gerichten nehmen konnte, die man möchte. Das Essen hat uns alle direkt überzeugt, auch wenn ich rückblickend sagen kann, dass es hier in Lanzhou noch besser geht.

    Erste Erfahrungen mit dem Schulsystem

    In den drei Tagen, die wir in Nanjing verbrachten, hatten wir die Möglichkeit, Amity kennenzulernen, die Bibeldruckerei zu besuchen und auch die Amitybäckerei, in der vor allem Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit gegeben werden sollen, zu arbeiten. Auch haben wir bereits eine kleine Einführung in das chinesische Bildungssystem bekommen. Die Schullaufbahn hier besteht aus vier Jahren Grundschule, worauf fünf Jahre „Junior Middle School“ folgen inklusive dem abschließendem Examen „Zhongkao“ (=Mittlerer Test), der auch als Zulassungstest für die nicht verpflichtende „Senior Middle School“ dient, die von den Schülern drei Jahre besucht wird. Am Ende dieser schreiben die Schüler*innen ein weiteres Examen namens „Gaokao“ (=Großer Test), der als Zulassungstest für die Universität gilt. Je besser das Gaokao, desto besser ist auch die Universität, für die man zugelassen wird. Zwar gehen die Schüler*innen hier auch zwölf Jahre in die Schule, wie in Deutschland und haben größtenteils die gleichen Fächer.

    Abgesehen von dem organisierten Program nutzten wir die Zeit auch, um über unseren Jetlag hinwegzukommen. Am zweiten Morgen, nachdem ich beim Frühstück die zwei Hälften meines zerbrochenen Stäbchens schnell unter dem Tisch verschwinden lassen habe (bitte versucht niemals, eine Dampfnudel mit Holzstäbchen in der Mitte zu teilen), wurde uns dann aber mitgeteilt, dass es am darauffolgenden Tag schon weiter nach Jiuquan gehen sollte. Als uns dann auch noch mitgeteilt wurde, dass wir nur 1 Gepäckstück mitnehmen konnten und das Andere direkt an unsere Einsatzstellen geschickt werden kann, fing das große Packen an. 3 Stunden später war dieses dann auch schon mit dem zweiten Versandunternehmen (das Erste kam mit einem Moped, was sich für 11 Koffer dann doch als unpraktisch herausstellte) auf dem Weg nach Lanzhou zu meiner Schule.
    Nach 2 Flügen und mehreren Busfahrten waren wir dann am nächsten Tag in Jiuquan angekommen, eine 1 Millionen Stadt die zwischen einer schneebedeckten Bergkette und der Wüste Gobi liegt. In Jiuquan kannten wir uns dank Mr. Li und seinen täglichen Führungen und „Chinese Challenges“ bald schon recht gut aus trotz der riesigen Größe. Wobei Jiuquan auch nicht mit einer deutschen Großstadt verglichen werden kann, da es viel weiter gestreckt ist und vielmehr das Gefühl einer Kleinstadt vermittelt, was es für chinesische Verhältnisse sicherlich auch ist. Mister Li, ein Lehrer des Colleges in Jiuquan, hat uns abgesehen von den „Chinese Challenges“, welche beispielsweise daraus bestanden, mit Taxifahrer*innen oder Verkäufer*innen zu kommunizieren, abends Chinesisch-Unterricht gegeben, welcher mindestens genauso hilfreich wie chaotisch war.

    Eigener Unterricht

    Vormittags hatten Sally und Martin, zwei Mitarbeiter bei Amity, mehrere Einheiten zum Unterrichten in China vorbereitet, die uns allen deutlich in der Planung unserer ersten Stunden weiterhalfen. Nach gut einer Woche war es dann auch schon so weit und ich stand vor meinen ersten 40 Schüler*innen. Ich hatte gut eine Woche meinen Unterricht vorbereitet, der sich um das Thema „Olympic Games“ drehen sollte. Obwohl ich mir wie vorgeschrieben einen sehr ausführlichen Stundenplan aufgeschrieben hatte, nutze ich diesen kaum und alles fügte sich von allein. Die Schüler*innen waren unglaublich aufmerksam und motiviert, was mich mit einem sehr guten Gefühl und einer noch größeren Vorfreude aus der Klasse gingen lies. Gerade diese Probestunde in Englisch hat mir auch rückblickend viel gebracht, da ich bei meiner ersten Englischstunde hier in Lanzhou deutlich entspannter war.

    Ungefähr eine Woche nachdem wir in Lanzhou angekommen sind, wurde mir gesagt, dass ich nun auch Deutschunterricht geben sollte, worauf ich nicht vorbereitet war. Aber auch dieser klappt inzwischen sehr gut und macht sehr viel Spaß, auch wenn sich Deutsch als sehr schwere Sprache herausgestellt hat. (Warum ist es "das" Mädchen und warum werden (die) Jungs weiblich im Plural?) Aber so flexibel wie in dieser Situation muss man definitiv des Öfteren hier in China sein und sollte sich einfach darauf einlassen, wenn man gesagt bekommt, man solle in 15 Minuten eine zusätzliche Deutschstunde halten, oder wenn man am Visaoffice gesagt bekommt, dass der Reisepass vielleicht doch erst in einer oder vielleicht zwei Wochen wieder da ist. Zwar war das anfangs sicherlich eine Herausforderung, aber es zeigt auch, dass irgendwie trotzdem immer alles klappt, solange man selbst nicht in Stress verfällt.

    Abschiedsfest

    Am Ende unseres Vorbereitungsseminars, in der dritten und letzten Woche in Jiuquan, veranstalteten wir ein großes Abschiedsfest mit den Schüler*innen aus der Summerschool, mit denen wir alle unsere erste Probestunde hatten. Neben mehreren Spielen und vielen Energizern habe ich auch zwei Kartenspiele von den Schülern gelernt, die ich heute noch mit meinen Schüler*innen hier in Lanzhou neben „Halligalli“ (das ist hier mindestens genauso beliebt unter meinen Schüler*innen wie in Deutschland) oft spiele. Abgesehen davon hatten wir in der letzten Woche nochmal Zeit, die Umgebung etwas mehr zu erkunden, und sind alle gemeinsam auch an den letzten Teil der chinesischen Mauer im Norden gefahren, was aber leider hauptsächlich touristisch war.
    Gerade die letzte Woche in Jiuquan hat nochmal allen gut getan, da wir das Gelernte nochmal reflektieren konnte und ich mit meiner Mitfreiwilligen eine Liste mit den Top-80-Sehenswürdigkeiten in Lanzhou machen konnte. Allerdings haben wir von diesen in den letzten knapp zwei Monaten auch erst einen sehr kleinen Teil gesehen, was aber meiner Meinung viel mehr zeigt, dass das hier mein zu Hause geworden ist und nicht eins von vielen Reisezielen.

    Genauso habe ich in den 13 Jahren, die ich so nah an Frankfurt gewohnt habe, nie bewusst einen Ausflug zur alten Oper gemacht, den Main Tower oder den Goetheturm besichtigt. Vielmehr treffen wir uns am Wochenende mit anderen Lehrer*innen, spielen mit den Schülern Badminton, Volleyball oder Fußball (neben Basketball einer der beliebtesten Sportarten unter den Schüler*innen), machen einen Spaziergang am „Yellow River“ oder holen uns bei unserem Lieblingsstraßenrestaurant unseren „Chinadöner“ (eins der besten und döner-ähnlichsten Gerichte, die es hier gibt), während wir unsere neu gelernten Sätze an dem netten Ehepaar, den Verkäufern, und dessen beiden Kindern ausprobieren. Auch wenn ich jetzt schon seit gut zwei Monaten genau hier, in meinem Office, sitze und für meine Schüler, die ich nun langsam wirklich kenne, den Unterricht vorbereite, kann ich nicht behaupten, wirklich realisiert zu haben, dass ich hier gerade mitten in China sitze. Ich weiß nur, dass ich mich hier sehr wohl fühle und das hier inzwischen mein zu Hause nennen kann.

    Mein Alltag unterscheidet sich aber definitiv gänzlich von meinen Vorstellungen und auch von den Eindrücken, die ich bekommen hatte, als ich das erste Mal hier in China war, aber ich glaube, je genauere Vorstellungen man hat von einem Land, desto stärker wird man überrascht werden. Mehr über mein Leben hier in Lanzhou und besonders an meiner Schule „Lanzhou Yi Zhong“ gibt es aber im nächsten Rundbrief. Ich freue mich jetzt schon über die Schule und vor allem die Schüler*innen zu berichten, die ich jetzt schon vermisse, wenn der Unterricht mal eine Woche ausfällt. Ich bin extrem dankbar dafür, so viele so unterschiedliche Jugendliche kennenlernen zu dürfen, die mit ihren individuellen Persönlichkeiten eine mindestens genau so individuelle und einzigartige Klassengemeinschaft bilden, wie ich sie so in Deutschland nie erlebt habe.

    Aber dazu bald mehr. ;-)

    Eure Anna

    PS.: Im Moment findet hier gerade auch das jährliche sportsmeeting statt, bei dem die Klassen gegeneinander in Leichtathletik antreten. Von den Disziplinen gleicht es den Bundesjugendspielen, nur dass es hier nicht darum geht, selbst möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, sondern nur das gesamte Klassenergebnis zählt und die Schüler selbst entscheiden, wo sie mitmachen möchten. Gestern gab es auch schon die Eröffnungszeremonie, bei der jede Klasse eine kleine Performance machen konnte, und Weitsprung, bei denen es zwei meiner Klassen auch aufs Treppchen geschafft haben. Nachdem jeder gesprungen ist, wurde ich auch auf die Sprungbahn gebracht von circa 100 Schüler*innen, die im Chor „Laoshi“ (=Lehrer) riefen, und als ich dann im Sand nach meiner Landung nach hinten gefallen bin, war das Lachen mindestens genauso laut. Zwei weitere Tage gibt es hier alle möglichen Wettbewerbe, also drückt meinen Schüler*innen ganz fest die Daumen. ;-)

    Anna Lisa Marie Gorenflo (China / Amity / Rundbrief Nr. 1 / IEF 2019/20)"

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