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    Lektüretipp: "Wie das Wetter Geschichte macht"

    Erstellt von Dr. Gerrit Lungerhausen |

    Wie der Nebel George Washington rettete und Robespierre im Regen unterging – Ronald Gerste bietet eine intelligente und lesenswerte Perspektive auf die großen Momente der Geschichte.

    Blitze haben Kriege vereitelt, Nebel hat Schlachten entschieden, Regen hat Revolutionen verhindert. Warum das Wetter mehr ist als ein zur Vergessenheit verurteiltes Beiwerk der Geschichte, sondern manchmal auch Motor historischer Ereignisse und Verläufe, erläutert Ronald Gerste, Wissenschaftskorrespondent und Historiker, in seinem aktuellen Sachbuch "Wie das Wetter Geschichte macht".

    Als George Washington die Kontinentalarmee gegen das britische Mutterland führte, hatte er so manches Mal mehr Wetter- als Schlachtenglück. In der Schlacht von Long Island schlugen die Briten die Amerikaner aus New York zurück, und George Washington befahl am 29. den Rückzug, um seine Truppen für weitere Auseinandersetzungen zusammenzuziehen. Dieser musste aber still und heimlich vonstattengehen, damit der in Sicht- und Hörweite liegende Gegner den Plan nicht durchkreuzte. Washingtons Glück war ein außerordentlich dichter Nebel, so dass die Soldaten unbemerkt abziehen und sich neu sammeln konnten.

    Es war auch Nebel, der Hitler das Leben rettete: Der Kunstschreiner Georg Elser plante am 8. November 1938 ein Attentat auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller. Dort, so wusste er, würde Hitler wie jedes Jahr zu seinen Parteigenossen sprechen, und für diesen Tag hatte er von langer Hand eine technisch beeindruckende Vorrichtung entwickelt und vor Ort installiert. Nicht vorherzusehen war, dass Hitler nicht, wie gewohnt, mit dem Flugzeug reisen konnte, weil über München starker Nebel herrschte. Stattdessen wählte er den Zug, dessen Abfahrtstermin ihn zu einer kürzeren Rede zwang und die Bombe damit zu spät explodieren ließ. Elser wurde an der Grenze in die Schweiz aufgegriffen und starb 1945 in Dachau.

    Gerste bietet weitere Beispiele von Napoleons Russlandfeldzug, der an einem starken Winter scheiterte, dem Untergang der Maya-Kultur und der Kleinen Eiszeit im 18. Jahrhundert. Wenn der Autor "Geschichte" schreibt, meint er damit "Militärgeschichte" und lässt Einflüsse auf Kultur-, Alltags- oder Sportgeschichte außen vor: Dabei hätte man durchaus über den Einfluss des Tambora-Ausbruchs auf die Romantik oder das Fritz-Walter-Finalwetter 1954 schreiben können. Schade, aber dennoch: Gerste verweigert sich der hektischen Aufgeregtheit vieler Stimmen zum Thema Klima(wandel), und das tut dem Buch ausgesprochen gut, weil es den Blick auf konkrete und historische Situationen lenkt. Einen kühlen Kopf in dieser heißen Diskussion zu bewahren, ist sicherlich nicht einfach, ist aber die Stärke einer Wissenschaft, die sich auf bestimmte Themen zu fokussieren vermag. 

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    Ronald D. Gerste: Wie das Wetter Geschichte macht. Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute. Klett-Cotta 2018, 287 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3-608-96253-6, 9,95 Euro

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